2015 – Jazzalben – 2015

2015 – Jazzalben – 2015 – Regelmäßig besuche ich die famose Website von Allabout-Jazz – die Seite von Jazzthing, die Jazzweek-Charts in den USA, tatsächlich werfe ich abundan einen Blick auf die Verkaufscharts bei Amazon, die deswegen so überraschend sind manchmal, weil ein einziger Kauf einer Jazzplatte diese schon unter die top-hundert katapultieren kann – durch die Entdeckung der Streamingdienste – ich weiß, Sie haben das schon früher gewusst als ich – bin ich allerdings zu einem unkonzentrierten Hörer geworden, einem, der zwischen den Stühlen sitzt – das setzt aber folgenden Gedanken frei:

Es ist schnuppe inzwischen, ob du ON TOP oder IN PLACE oder IN TIME oder UP-TO-DATE bist, auch, ob du nur noch ON THE ROAD oder BETWEEN THE NOISE oder unter DACH UND FACH oder endlich EINFACH ZUFRIEDEN bist und dir fast nur noch die alten Scheiben anhörst – wenn dafür überhaupt noch Zeit bleibt in diesen Zeiten der Überfülle.

LESS IS MORE or NOMORE ANYMORE

Das aber wäre unfair und die schlechteste aller möglichen Wendungen. Neue Generationen wollen gehört werden. Nicht immer das Sitzen auf alten Stühlen und Sofas. Wo der Markt sich ausbreitet, und was nicht Markt ist, akademisch gefangen scheint. Oder sich über Stipendien und Studienplätze reguliert. Was dazu beiträgt, dass Jazz einen elitären Beigeschmack bekommt. Man vom reinen Zuhören meinen könnte, den Mief selbst-referenzieller Hochkultur zu verspüren. Eine der vielen Seiten des Spiels um B-Flat und Flat Fifth und Tempi – Crescendi und Taktgefühl oder Rhythmus-Spiel.

Lou Donaldson

Orin Owens

Jacob Roved

Billy Gibbons

Wie wäre es mit einer Unterteilung nach Instrumenten?

Es führt das noch nicht zum Hörerlebnis. Schon gar nicht zu einem Gefühl, verstanden zu haben, worum es geht. Beweist auch: der Sammler und Jäger hat kein leichtes Spiel. Leicht könnte man weitere Kriterien anführen: vom Duo zum Trio, zum Quartett. Bis hin zur Big Band – oder: den Pokal für das beste Cover! Wie wäre es mit einer Unterteilung nach Instrumenten? Die nach Stilen. Eine eigene Gruppe: wer spielt am lautesten, wer am leisesten? In Zeiten des Trash, des Lärms und der wievielten Hippy-Yeah-Show im Fernsehen – die Grenze scheint dehnbar.

Masse versus Qualität. Schaum und Luftblase versus Tektonik und Raumgefühl. Die Brasscombo gegen das Duo. Der Tanz gegen den Marsch. Das Klavier gegen die Gitarre – und Klarinetten im Vorbeiflug mit Kontrabass. Spannend allemal, wenn ein Instrumentalist Partner findet – und zu kommunizieren anfängt. Da beginnt Musik. Wenn gemeinsam exaltiert oder freitonal oder harmonisch oder auch technisch Räume gebaut werden. Es noch immer funktioniert: Handwerk – Zusammenspiel – vor einem Publikum, das sich freut, wenn Klangkünstler und Virtuosen sich zusammentun. Das ändert auch die digital vernetzte Welt nicht, sie befördert es sogar, gewollt oder nicht. Wo die digitale Welt alle sichtbar macht, bleibe ich erstaunt, wie viele der Musiker und Musikerinnen ich noch immer nicht kannte oder kenne.

Trotzdem schnüre ich Päckchen – viele Namen – übers Jahr gesammelt. Empfehlungen von AllaboutJazz, die Hitliste aus den USA. Die Platten, die ich unbedingt kaufen wollte und in Teilen erworben habe. Schließlich die Sparte wiederentdeckt. Gerne würde ich meine beim Lesen von J. E. Behrendt zugefügte Liste und die große Sammlung von Peter Rüedi anfügen. Da habe ich drei weitere: einen Ralf Dombrowski Korb, einen Alex Ross Korb und eine Penguin Jazz Guide Tüte.

Prognosen

Wo du vor dem Monitor sitzend die Glaswand spürst. Wie sich Welt fragmentiert – sie will Gemeinsinn und Erleben. Das Konzert, das Meeting, das Festival. Das Livehaftige ist nicht zu ersetzen durchs Digitale. Das Digitale aber macht Publikum, als Sprachrohr. Wer im Netz nicht repräsentiert ist, wird nicht wahrgenommen (?) Tatsächlich ist das Wahrnehmen der anderen durch das Digitale einfacher geworden. Bedenke, dass es früher nur ein paar wenige renommierte Clubs und Radiosender gab. Es heute ein Vielfaches davon gibt – allerdings: Filtern musst du selbst. Geschmacksfragen über Musik lassen sich kaum diskutieren – du brauchst um all das ein Navi fürs Navi.

Wie gesagt: das ist kaum mehr zu leisten: den Überblick wahren und-oder sich vertrauensvoll an den Labels orientieren, die Welt scheint vielfältiger geworden – und gleich auch hierarchischer und von immer weniger Stimmen bestimmt. Kann das stimmen? – das babylonische System nicht jedem bekommt? – die Irrfahrt (des Odysseus) keinen Weg gefunden hat aus der Unübersichtlichkeit ? Eine Frage des Navigationssystems.

Also: wer viel wissen will, muss viel suchen, wer sich mit wenig zufrieden gibt, folgt den anderen. Ich folge einer Intuition, die sagt mir, es gibt jenseits des Allgemeingültigen mehr als das, was alle zu wollen scheinen. Daher meine umfängliche Liste für das JAHR 2015.

Vorneweg diese feine Scheibe aus dem wohl bekanntesten Jazzlabel: gemeint ist Lou Donaldson, Blues Walk, eine Aufnahme aus dem Jahr 1958, remastered – siehe Link.

… eigentlich sollte man nur .. fünf oder sechs Platten empfehlen  … denkt man … aber aber … sagt eine innere Stimme …. es gibt so viele gute Platten …. du musst sie alle empfehlen … ausnahmslos! Und zwar … wenn du mit dieser einen Donaldson Platte durch bist – hör diese hier / und dann diese hier / Und steigere es nochmal mit der hier / in allen Aufnahmen hörst du eine Bass-Kraft schwurbelnd, wandernd, triolisierend – und wandernd – nur ein Ignorant würde behaupten, das klingt alles gleich …

ich hab‘ noch eine für dich / gleich noch eine / Platten, die mich überzeugten und auch weiterhin erfreuen – Platten die mich fröhlich machen, Platten Platten Platten – was auch mal mp3 sein darf oder einfach nur angehört und gleich wieder vergessen – niemandem will man mehr den Vorzug geben, alle wollen sie gehört oder gesehen werden – und wenn Zeit ist, geht man in Konzerte – das waren bei mir dieses Jahr nicht viele – immerhin: Jazz in der Philharmonie gibt es und Melody Gardot war gut gelaunt dort – und hat von den Stühlen gerissen – aber

Mitsingen ist nicht meine Sache.

Da bleibt kein Auge trocken oder kein Stuhl stehen, einfach nur das Ohr berauscht … wer will noch Platte gegen Platte gewichten oder gar eine Hitparade schreiben, ohne sich selbst zu parodieren? – Bitte: Es ging los mit Chris Potter, Cassandra Wilson, Kenny Wheeler, Paolo Fresu, Melody Gardot, Myra Melford, nachzulesen in den Einzelbesprechungen …

Es gibt experimentierfreudiges zu hören – berauscht am Klangkörper der Instrumente – an der Grenze zum Hörbaren (rein subjektiv) – es gibt das Haus ECM mit offenbar „ganz eigenem Sound“ … mein Radar hat noch ganz andere Namen gesichtet – in Portugal, in Frankreich/Belgien, sowieso in Schweden und Norwegen und Dänemark, auch in Russland und Polen … einzig die Selfpublisher kommen selten vors Auge – da will und würde ich gern mehr erkennen … ich habe aber nur meine zwei Augen, die zwei Ohren. Bis all das gleichberechtigt nebeneinander steht bzw. erkennbar wird …

trio \ DEF

Gucken wir uns in den USA um / wir Europäer können behaupten, was wir wollen, dort drüben gibt es Schub – im Osten (New-York) John Zorn unermüdlich und häufig erscheint, an der West-Küste taucht Kamasi Washington auf und schafft es innerhalb weniger Wochen, selbst hier die Charts aufzurollen – ein eigenartiger Schub – kaum zu übersehen und wahrscheinlich ebenso schnell verraucht?

Wieviel Neues hat der Markt zu bieten? Nun, klare Antwort: wer neugierig ist, hört in fast jeder Scheibe eine neue Stimme oder eine neue Idee – wer satt und müde ist, für den klingt alles wie schon da gewesen. Was soll’s – ich habe Filter angesetzt: was zu gefällig ist, darf wo anders gelobt werden – vielleicht ist auch die eine oder andere etwas ältere Nummer dabei – Bitte … viel Spaß beim Weitersuchen und -blättern. Schon als Jungspund verbrachte ich Stunden in einem Schallplattenladen, nun verbringe ich ein Leben im Netz – auf Fischfang wie einst Käptn Ahab. Nur dass ich Moby Dick nirgends zu Gesicht bekomme, sondern viele Delphine, die, so scheint es, um mich ein Netz gespannt haben … los jetzt …

+++ Jazzplatten 2015 – Jazz 2015 – Jazzalben 2015 +++

Chamber3, Grassroots

Christian Eckert – guitar Steffen Weber – saxophone Matt Jorgensen – drums Phil Sparks – bass

Ohrenfällig im Sinn von augenfällig ist die Arbeit von Matt Jorgensen am Schlagzeug, und hört man die Zusammenarbeit mit Weber (Saxophon) und Eckert (Gitarre), verspüre ich etwas Seitenwind aus der Ecke „Psalm“ von Paul Motian aus dem Jahr 1982 – und wenn ich die beiden Platten quasi gegeneinander höre, komme ich zu keinem anderen Ergebnis: sie nehmen sich nichts, kleiner Unterschied: die Frisells und Lovanos von damals heißen heute Eckert und Weber, und Matt Jorgenson am Schlagzeug steht Motian in nichts nach. Deswegen: Weitersagen. Christian Eckert, Gitarre; Steffen Weber, Saxophone; Matt Jorgensen, Schlagzeug; Phil Sparks, Bass.

Andi Kissenbeck’s Club Boogaloo, Monsoon Dance

Man nehme Hammond Orgel, Saxophon und Gitarre – Schlagzeug und Bass – der Rest ist eine vor Beat und Lust am Tempo rasende Fahrt durch vierzig Minuten Wippen Schnippen, das grooved und browsed durch den so einfachen und beinahe schon archetypischen Sound einer Hammond Orgel – da bleibt kein Auge Boogaloo – denke ich – die Unterschiede herauszuhören zwischen Billy Smith und Joey DeFrancesco und Andi Kissenbeck ist nicht mehr Sinn und Zweck der Übung, sondern einfach der große Spaß am Vorwärtstreiben und dem großen Wums am Ende der Geschichte von Stück eins „monsoon dance“. Um in eine mitreißend schmatzende Schmonzette überzugehen – wer es relaxt – und gutgelaunt mag, ist hier gut aufgehoben. Andi Kissenbeck (Hammond B3), Torsten Goods (git/voc), Peter Weniger(sax), Tobias Backhaus (dr)

Brian Landrus: Baritone Saxophone, Bass SaxophoneLonnie Plaxico: acoustic bass;
Billy Hart: drums.

Yelena Eckemoff: Everblue L & H Production, Tore Brunborg, Arild Andersen, Jon Christensen, Yelena Eckemoff

Es gibt Melodien, an denen ich nicht vorbei komme – weil sie eigenartigerweise etwas in mir ansprechen – was heißt da schon Melancholie, was romantische Stimmlage – es ist dies das zweite Stück „All That is, Seen and Unseen“ – insgesamt eine ruhige Platte – Tagträumen erlaubt. Als Querverweis nochmal die ebenfalls hervorragende Platte A Touch Of Radiance:
Yelena Eckemoff: piano; Mark Turner: tenor saxophone; Joe Locke: vibraphone; George Mraz: double bass; Billy Hart: drums.

Anat Cohen, Luminosa

Cover art by Michal Levy Design by Lior Romano Cover photo by Augusta Sagnelli Band photos by Fran Kaufman Produced by Oded Lev-Ari, Anat Cohen & Jason Lindner

Zwischen Tel Aviv und Lateinamerika, vom HipHop bis Benny Goodman? „Weit mehr als eine reine Ehrenrettung der Klarinette, Anat Cohen lässt aufhorchen, welche Bandbreite sie mit ihrem Instrument hat“ – so der SWR in seiner CD-Empfehlung aus dem Juli 2015 – folgt man ihrer Website, so kann man sichergehen, dass ihr der Ruf einer außergewöhnlichen Begabung vorauseilt – mich persönlich überzeugen vor allem die beiden Stücke „Ima“ und „Bachio“ so sehr, dass ich den anderen beinahe blind folge – eine Aufnahme, die vor Freude und Atmosphäre nur so strotzt. Großer Applaus! (Anat Cohen: clarinet, bass clarinet, tenor saxophone; Jason Lindner: piano, Wurlitzer electronic piano, analog synthesizer; Joe Martin: bass; Daniel Freedman: drums; Gilmar Gomes: percussion; Romero Lubambo: guitar; Gilad Hekselman: guitar; Vitor Goncalves: accordion; Cesar Garabini: 7-string guitar; Sergio Krakowski: pandeiro.

Emily Wright: Meeting at Night

Emily Wright: vocals; Nick Malcolm: trumpet; Dale Hambridge: piano; Will Harris: bass; Mark Whitlam: drums; Plus: Jason Yarde -alto sax (tracks 2 and 7); Dan Moore -Hammond organ (tracks 8 and 10).

Eine Combo von der Insel – wenn man eine Schublade will, könnte man von Folk-Jazz sprechen, von poetischen Anlehnungen, oder wie es auf ihrer Website heißt: Musik für Herz und Kopf. Stimmig arrangiert, auch ein wenig aufgeladen – so beginnt das erste Stück „Clouds“ – um in „Meeting At Night“ brüchiger zu werden. Da ist viel Raum zwischen der weichen und klaren Stimme von Emily Wright und der sich freispielenden Trompete, die ans Saxophon übergibt – ein Mehrphasenspiel, wo sich wildes und atonales Spiel mit ruhiger Orchestrierung abwechseln. Eine durchgängig abwechslungsreiche und vielseitige Aufnahme, man darf gespannt sein, wie sie sich entwickeln.

Chamber 3:
Andi Kissenbeck’s Club Boogaloo,
Brian Landrus Trio,
Anat Cohen, Luminosa
Yelena Eckemoff: Everblue
Emily Wright

Chris Potter and Underground Orchestra, Imaginary Cities
Chris Potter and Underground Orchestra

Um Stadt soll es gehen, die imaginierte, die sich erfindende – im Kopf. Nehmen wir einen Scorsese-Film – es wäre das eine Stadt irgendwo im letzten Jahrhundert, kurz vor Erwachen – mit Nachtlichtsplittern – darüber die entsprechende Musik – Stück eins bedient diesen Glamour – so deutlich, dass man die Bilder vorbeiziehen sieht – Na, dann gute Fahrt, dachte ich, der Film kommt mir bekannt vor.

Aber Potter wollte keinen Jazz mit Klassik zusammenbringen, Potter hatte einen Film – vor Augen. In Stück zwei geht es ähnlich eingängig zu Werk – wobei. Ab Minute sechs gibt Adam Rogers an der Gitarre dem Ganzen eine Wendung – nun hat sich Chris Potter neben dem engen Kreis um Saxophon, Schlagzeug und Bass und Gitarre einen großen Rahmen geschaffen mit Cello, Violine, Vibraphon und Marimba – alle sollen sie zu Wort kommen – in Stück drei wird dieses Versprechen eingelöst. Es wird rhythmisch, treibend, vielseitig, abwechselnd und: es werden Geschichten erzählt, unzählige. Noch immer nicht ohne Theatralik, von gezupften Saiteninstrumenten umfasst, da geht der Erzählpuls schon etwas höher.

Nun – wer noch immer im Zweifel ist – in diesem Film – wo das Saxophon kristallklar spricht, und die Streicher ihr eigenes Spiel spielen – zusammengehalten durch Arrangement und Bilderwelt – mit den bekannten Aufnahmen – wird allein durch das famose Solo von Steve Nelson am Víbraphon daran erinnert, dass es hier um mehr geht als nur mit der Kamera durch die City zu fahren. Hier werden Geschichten erzählt.

In „Desintegration“ der Auftritt aller als etwas komplexere Komposition – die schließlich auf „Rebuilding“ zugeht als Dreh- und Angelpunkt der Aufnahme (wobei man es auch anders sehen kann: Stücke 4 und 7 bringen jeweils den Kammerton der Streichinstrumente mit, während in „Rebuilding und „Firefly“ der Straßenraum „spricht“: insofern ergänzen sich die beiden Erzählstränge zum Großstadtroman – ab hier würde ich sagen: sie haben sich gefunden, die Aufnahme wird zum Ereignis jenseits der Konventionen: Hut ab. Vor allem vor Nate Smith am Schlagzeug.

Alles in allem eine überraschende Wendung von innen nach außen arrangiert zu einer sich frei erzählenden Geschichte – sich der Stadt nähernden Züge höre ich in „Dualties“, sich großspurig anmaulende Großstädter in „Sky“ – die Geschichtenerzähler treffen sich in „Firefly“ – das geht so unmittelbar in „Shadow Self“ weiter – mit der Imagination – der Stadtgründung, der Architektur – der Geschichten, Mutmaßungen und Spekulationen darum. Auf das Stichwort Architektur wäre ich selbst nicht gekommen – das las ich in einem Interview – aber wenn man es gehört hat: es stehen sämtliche Protagonisten einer Stadt vor Augen, und bei jedem neuen Hören neue Geschichten. Das ist zwar nicht immer leicht, aber das würde eh nicht funktionieren – eine Stadt ist mehr als die Summe ihrer Darsteller.

Wem 2015 noch Schwierigkeiten bereitet, in diesem Frühaufsteher-Movie hat man schon mal eine schöne und fette Zusammenfassung in fast trockenen Tüchern.

Chris Potter: Tenor und Sopran Saxophon, Bass Klarinette; Adam Rogers: Gitarre; Craig Taborn: Piano; Steve Nelson: Vibraphon und Marimba; Fima Ephron: Bass Gitarre; Scott Colley: Akustik Bass; Nate Smith: Schlagzeug; Mark Feldman: Violine; Joyce Hammann: Violine; Lois Martin: Viola; David Eggar: Cello.

Daniel di Bonaventura and Paolo Fresu, In Maggiore
Paolo Fresu, Trompete und Flügelhorn; Daniele Di Bonaventura, Bandoneon

Woran liegt es, dass mich gleich das erste Stück „Da Capo Cadenza“ einfach mitnimmt und berührt? Liegt es an der weichen und präzisen Intonation, dieser nahezu glasklaren Trompete? Liegt es am so vielstimmigen Bandoneon? Worüber unterhalten sie sich – fast nahtlos ins zweite Stück „Ton Kozh“ hinein? Das fängt an wie eine Kinderweise, ein Volkslied, und geht über in ein Umkreisen, die Zuhörenden Einfangen, und sie Anheben – wie sie sich umeinander winden, mit einem kurzen Knacken die Ebene wechseln

– es mit Schlaggeräuschen in einen Rhythmus übergeht, über den die Trompete das Thema spielerisch leicht ausbreitet, sie einfach zu sprechen scheinen in so vielen unterschiedlichen Lagen, dass man nicht anders kann, als sich ihren Dialogen hingeben … oder „O Que Sera“: Sehr stimmungsvoll, meditativ, schreibt sich auf die Haut. Hier wird sich Zeit genommen, um in aller Ruhe und Schönheit miteinander zu sprechen, sich den Klangräumen anzunehmen:

Sich den Musikern zuwenden und sich entführen oder forttragen lassen in dieses stimmungsvolle und poetische Werk. Musik, die du nicht vergisst. „Non ti Scodar Di me“. Stille, Ruhe, Raum, gleich vom ersten Stück an.

Insofern. Musik, die eine eigene Zeit schreibt und spricht, sich selbst und ihre Welt: diese Aufnahme bietet sich an, alles andere liegen zu lassen und zu spüren, wie Musikhören den Horizont aufweitet! Ich muss schon sagen. Selten wurde ich so angefasst – und angehoben. Große Aufnahme. Mit klaren Tönen und schönen Klängen.

Phil Donkin, The Gate (feat. Ben Wendel, Glenn Zaleski & Jochen Rueckert)

Kammermusik zum Anfassen – wieder von der Insel – wobei Phil Donkin, gebürtiger Engländer, wie es sich fast schon gehört für einen, der es wissen will, nach New York zog, um 2012 sein Debut „Dimaxis“ abzuliefern, diese hier nun scheint seine zweite Aufnahme zu sein – mit Referenzen an Thelonious Monk (Introspection) bis Schostakovich (Prelude No23 in F Major), im Ergebnis eine handwerklich sehr gute Nummer, von Charlie Mingus und Dave Holland inspiriert.

Man kann mithilfe dieser Scheibe ziemlich gut raushören, wo ungefähr sich die 80iger-Generation des Jazz befindet – in technisch einwandfreiem Zustand sozusagen – es werden kaum Risiken eingegangen – die Kompositionen kann man fast übereinander legen, man erkennt Abweichungen in ihren Nuancen – das ist, was ich unter akademisch verstehe – man stellt sich vor, wie sie sich ihre Stücke gegenseitig präsentieren, einer cooler und verhaltener als der andere – einzig der Saxophonist haut mal einen oder zwei schräge Töne raus –

böse Zunge – und auch ein bisschen unfair – denn wie soll man agieren in Zeiten, wo jeder alles kann, oder alles jeden meint, oder gerade im Jazz die Variationsbreite weiter gefasst scheint als in der U- E- oder P-Musik – sagen wir so: im Vergleich zu dem, was Kamasi Washington von der Westküste der Staaten macht, ist das, was die New Yorker Szene derzeit präferiert, schon eher Life-Style als Wild-Life – also Jazz für schick und ohne Ecke und Lücke – es ist zu spüren: Jazz will gefallen – und sich nicht outen als freigeistig oder hemmungslos – nur eine Frage der Zeit? Nun. Wenn es schon gefallen will.

Es gefällt mir – auch als Zeitzeugnis für ein Coming Out von „kommt, geht und kommt schon wieder so ein Lehrstück über verlorene Shuhe“. Auch gut. Schon immer. Die Titel der Stücke nicht ohne Ironie – „Butterfingers“ oder „One for Johnny“ oder „Matriarch“ – das ist natürlich eine nette und seufzende Stimme im Abklang der Sonne – oder „Yesterday at my House“ wo bitte? Ja, da, wo der Bop ein bisschen Tempo macht – genau – da ist doch mal der wilde Ritt – endlich möchte man sagen – sagt nur so viel. Phil Donkin hat zuviel drauf, als dass man nichts mehr von ihm hören wird.

Michael Oien, And Now

Michael Oien – Bass; Matthew Stevens – Acoustic and Electric Guitar; Nick Videen – Alto Saxophone; Jamie Reynolds – Piano; Eric Doob– Drums; Travis Laplante – Tenor Saxophone on “MAD TO LIVE”

Alles in allem komme ich nicht zum Ergebnis, dass es sich hier um eine rundum großartige Scheibe handelt, es ist in Teilen „sehr nett“, aber gleich auch ein bisschen akademisch – die Aufnahme selbst klingt manchmal wie „nebenan“ erprobt (dort wo die Mikrophone hängen) – nun, auch das kann seinen Charme haben – hier aber sollen wohl erstmal sehr viele Likes gesammelt werden.

Das erste Stück sehr getragen und scheint sich an seinem Thema „In The Early Autumn“ etwas abzumühen – etwas mehr Fahrt nimmt „Skol“ auf – in „Mad to Live“ geht es in eine Gewitter über – auffällig ist, dass der Bassist kaum auffällt und im Hintergrund bleibt – Im Stück „Smile The Mile“ schaltet mein Hirn auf Durchzug – Eine Melodie einmal gehört, ein zweites Mal, dann ist gut – das wird schon in „Ask One“ bis an die Grenze getrieben … – immerhin darf sich der Schlagzeuger austoben. Mehr als sieben Minuten fahre ich auf drei Akkorden spazieren. Es entwickelt sich ab Minute 5 Spannung. (Wo Schlagzeug und Saxophon sich eine Steigerung erlauben) Schon gibt es ein Freitonal-Experiment „Dreamer Pt1“. Da erleidet die Combo ihren selbst herbeigeführten Schiffbruch. Ich ahne, warum mich die Aufnahme nicht durchgehend elektrisiert oder voll auf ihre Seite bringt.

Die Fingerübung „Dreamer Pt1“ hat etwas Unentschiedenes. Ich möchte den Druck und die Energieleistung der ersten vier Stücke zurück. Die Verluste aus diesem Talk werden nett abgefangen in Dreamer (Pt.2). Trotzdem scheint es mir mit der Melodieführung und Komposition zu willkürlich. Das wird in „Dreamer Pt3“ etwas abrupt und wie aus heiterem Himmel in einen fetzigen Groove überführt.

Alles in allem ist das eine „nette“ Aufnahme mit einiger Abwechslung, unterschiedlichen, sehr frischen Grooves, einem phasenweise guten „Drive“. Mit manchmal lustigen Einlagen. Wenn die Gitarre zum Beispiel in „Mad to Live“ einen Sound ausbreitet, als wäre sie Highlander persönlich. Es kann nur einen geben. Eine Scheibe zwischen drei und vier Sternen. Die Stücke Skol, Mad To Live, Ask Anyone und Dreamer Pt2 haben den Kauf der Scheibe gerechtfertigt. Bei den verbleibenden Stücken fehlt mir der Zugriff.

Joel Harrison, Spirit House

Joel Harrison (guitar/compositions/arrangements), Cuong Vu (trumpet), Paul Hanson (electric and acoustic bassoon), Kermit Driscoll (upright and electric bass), and Brian Blade (drums)

DIE MUST HAVE des Jahres. Wer We-Want-Miles-Davis mag, kommt hier kaum vorbei. Es beginnt mit einem Feuerwerk an Ideen und Sets – allein was Cuong Vu aus seiner Trompete heraus lässt, ist ein eigener Film – eine Fanfare mit Rums – wird von einer Ballade aufgenommen, die klassisch ihr Thema präsentiert – wo du sicher sein kannst, dass es so nicht bleibt – es darf die Bass-Klarinette im buchstäblichen Sinn „ausbrechen“ – bis es in sich zusammenrutscht, um dem Drummer Hof zu geben – die Gitarre wird zum Rhythmus-Geber, das Schlagzeug zum Improvisator – das ist keine Musik für nebenbei – manchmal ein bisschen überorchestriert – Joel Harrison ist bis hierhin nicht mal solistisch in Erscheinung getreten, sondern gibt den anderen mit rockigen und verzerrten Gitarrenriffs ihr Feuer – über dem Cuong Fu wieder großartig „ausbricht“. Ein Hammer auf sechs Saiten.

Iiro Rantala, My Working Class Hero

Endlich konnte ich den jungen Mann auch mal live erleben – ein wahres Energiebündel – ein viel Humor und Freude verbreitender Finne mit einem wiederkehrenden Spruch auf der Lippe: My Working Class Heroes – damit verwies er immer auf die um ihn herum Stehenden Spielenden, das waren Walkenius und der famose Bassist: Lars Danielsson und der ebenso famose Schlagzeuger Morton Lund – ich sehe den Titel der Platte – ganz bescheiden den Haken über die Mitstreiter zu sich selbst gezogen – Recht hat er. Darf er. Spielt einfach ohne Mühe seine 60 Minuten – ohne dass man merkt wie die Zeit vergeht.

Emily Saunders, Outsiders Insiders

Emily Saunders: voice; Byron Wallen: trumpet; Trevor Mires: trombone; Bruno Heinen: piano, Dave Whitford: bass Paul Michael: bass; Jon Scott: drums; Fabio De Oliveira: percussion; Asaf Sirkis: percussion

Der Titelsong Outsiders Insiders ein Ohrwurm – eine Trompete irgendwo knapp unter Nicht-mehr-Hörbar weggequietscht – ein feiner Bass-Lauf, ein Sixties-Groove auf zwei Organ-Akkorden – so ausgestattet geht‘s die Straße runter – herrlich auch das verspielte Solo von Steve Pringle – mein 5 Sterne-Stück.

Die Aufnahme ist von schönen überwiegend brasilianischen Rhythmen getragen – über denen die Solisten mit Trompete und Piano locker hinwegsteigen – dazu auch Emily Saunders Skat-Gesang – der die Stimme zum Instrument macht – überhaupt: Vielfalt und Abwechslung ist über die gesamte Aufnahme garantiert – ein durchgängig stimmiges Gesamtkonzept.

Zwei Songs stechen heraus – das sind „Residing“ und eben „Outsiders Insiders“ – die mit dem jeweilig starken Beat – in der zweiten Hälfte dann eher schon gehauchte und atmosphärische Stücke wie Moon, Metronomic und You with me. Das macht eine abwechslungsreiche Reise zwischen lyrischen und groovigeren Stücken: die Aufnahme hat Potential, nicht nur eingefleischten Jazz-Freunden zu gefallen.

Abgerundet wird die Aufnahme durch You With Me, eine ergreifende Sprach- und Pianoballade, viel zu schnell vorbei – bleibt nur ein Fazit: ein kleines Meisterwerk mit eigenem Charakter, Sound, Licht und Raum. Schon jetzt: Ein Höhepunkt in 2015!

Caili O’Doherty, Padme Caili O’Doherty – Piano, Fender Rhodes Mike Bono – Guitar Zach Brown – Bass Cory Cox – Drums Adam Cruz – Drums (guest artist) Alex Hargreaves – Violin Caroline Davis – Alto Saxophone, vocals Ben Flocks – Tenor Saxophone Eric Miller – Trombone

Phil Donkin
Michael Oien
Joel Harrison
Joel Harrison
Iiro Rantala
Iiro Rantala
Emily Saunders
Caili O’Doherty
Myra Melford, Snowy Egret – Featuring: Myra Melford: piano, melodica –  Ron Miles: cornet – Liberty Ellman: guitar – Tyshawn Sorey: drums
Myra Melford, Snowy Egret
Myra Melford, Snowy Egret

Warum weiß man, wieso einem etwas gefällt, obwohl die anderen dazu sagen, wie kann man so etwas hören? Wenn man durch Zufall auf eine Pianistin trifft, die mehr als zehn Platten veröffentlicht hat und so etwas spürt wie Timing, Parallelwelt, Ereignisraum und Vielfalt. Wenn man sich von etwas beeindruckt weiß und das mitteilen will – dann ist wohl mehr als Übliches passiert.

Es beginnt mit einer Fanfare – die Auflösung des Themas übernimmt die Gitarre. Sie führt in ein eigenes Schieben und Improvisieren. Die beiden am Schlagzeug und Bass treiben voran. Mylford schiebt das Thema dazwischen, damit sich auch die Trompete freispielen darf. Es kommen zusammen: Musikerinnen. Komposition. Ruhemomente, Unruhemomente. Das Aufeinander-Hören, das gemeinsame Jagen, die Abwechslung. Dies etwas kräftigere Stück wird abgelöst von Night in Sorrow – ganz die Ruhe selbst, von der Gitarre eingeleitet. Der Bass schleicht sich leise hinzu. Das Schlagzeug folgt, schließlich eine Melodie übers Klavier. Das war es schon, möchte man meinen, ist aber so fein gesponnen – du gehst dahin. Wunderbar aufgelöst vom Thema ins Spiel. Da das immer wieder geschieht, bleibt es ein schönes Beispiel dafür, wie Herz, Kopf und Bauch gleichzeitig angesprochen werden.

Diese Aufnahme ist vor allem ein Feuerwerk der Ideen und eine Implosion wie Explosion. „The Kitchen“ – es weisen Gitarre und Bass auf die Widersprüchlichkeit oder Unterschiedlichkeit der jeweiligen Seite (Saiten) hin. Bis in der dritten Minute das Thema gemeinsam aufgenommen ist, von allen! Um das Stück in eine komplett andere Richtung zu verschieben, wo das Klavier einen Ritt auf der Klinge des Bass hinlegt – da bleibt nichts am Platz – ein großer Satz. Zu guter letzt: „Strawberry“: was als kleiner Blues beginnt, findet sein glückliches Ende in karibischen Rhythmen.

Eine richtig gute Aufnahme

Und so wird das Ganze eine schöne Erzählung mit unterschiedlichen Positionen. Gleich nach diesem Feuerwerk auf Valedicere II folgt ein heruntergebremstes Valedicere III. (übersetzt aus dem lateinischen: Abschied nehmen, Lebewohl sagen) – ich würde die Empfehlung so formulieren wollen. Wer In Spite of Everything von Stefano Bollani gut findet, wird auch diese Aufnahme gerne hören.

Last but not least … da bin ich fast fertig mit meiner Aufstellung und schiele mal rüber nach Telegraph … und sehe, dass ich mit deren Liste weitgehend dacore gehe … vor allem freut es mich für Emily Saunders, das sie in UK offenbar angenommen wird. Und da ich hier auch mal abschließen möchte, sei jedem der Blick auf die Insel nachdrücklich empfohlen: The Best Jazz Albums of 2015 (ich schwöre: meine Liste ist in kompletter Unkenntnis ihrer Liste entstanden – jetzt, wo ich sie gesehen habe … schweige ich lieber … und höre weiter im unendlichen Raum des vielseitigsten aller Musiksparten … Vielen Dank den Musikern und Musikerinnen !!! *****)

Der mit dem Riecher …
The ACT Man, A Life in the Spirit of Jazz

Das ist ein bisschen Nostalgie, ein bisschen in alten Zeiten unterwegs sein – vor allem die zweite CD hatte mich gleich auf der heiteren Seite. Diese unvergesslichen Stimmen von John Lee Hooker, Muddy Waters und Buddy Guy – einfach großartig. Dann rutscht das Ganze in den Rock ’n Roll, aber auch das lustig bis heiter – kann man sehr gut nebenbei hören und selbst nach dem dritten und vierten Mal nicht langweilig.

2015 – Jazzalben – 2015

Yuhan Su, A Room of One’s Own
Yuhan Su: Vibraphon, Gesang; Matt Holman: Trompete, Flügelhorn; Kenji Herbert: Gitarre; Petros Klampanis: Bass; Nathan Ellman-Glocke: Schlagzeug.

Entweder will sich die Jazzgemeinde in Luft auflösen (?), oder sie ist auf anderen Bahnen – zumindest fühle ich mich rätselhaft unberührt, wenn ich sehe, wie einige Muskerinnen und Künstlerinnen sich kaum durchzusetzen scheinen vor der allgemein öffentlichen Welt, während sogenannte Insider sich längst einig sind, dass jemand hier wie dort einen schönen Weg gefunden hat für sich – und für die Hörerinnen – so rufe ich durch die hallenden Räume dieser Vibraphonistin: ihr hört schöne Klangteppiche, gute Kompositionen, schöne Arrangements und hervorragende Musiker. Eine sehr stimmige und dichte Aufnahme.

Yuhan Suhan, aus Taiwan, 2008 geht es in die USA, dort aufs Berklee. Hier nun ihre zweite Aufnahme – In der ersten Flying Alone ging es noch kammermusik-artig her, die neue Aufnahme ist orchestraler, was vor allem der im Hintergrund etwas kratzend klirrenden Gitarre zu verdanken ist, nicht zuletzt auch dem Trompeter Mat Holman. Gleich auch sind die Aufnahmen aufeinander abgepasst – es gibt eine von Stück zu Stück sich vergrößernd aufbauende Spannung. Wenn Yuhan Su in den beiden ersten Stücken scheinbar noch Begleitung spielt, übernimmt sie in Valedicere II die Regie und treibt das Stück und mit ihm die Begleitung durch einen immer stärker ansteigenden Raum – einfach herrlich.

Gleich das erste Stück „Prelude“ hat genügend Drive, dass man sich locker macht und erwartungsfroh der Scheibe folgen will.

Kait Dunton trioKAIT – Oder wenn man will: ist das vielleicht die Antwort aus Los Angeles auf E.S.T? Es erinnert zumindest in Anschlag, Tempo und Molodieführung an E.S.T. Aber auch Hiromi (zumindest die Fender) kann Pate gestanden haben – nun weiß jeder, dass niemand dabei ertappt werden will, welcher Spielwiese er zugehört – oder vielleicht auch genau das: man/frau fühlt sich geschmeichelt … spielt das ein Rolle?

Ich sage es für mich so: Bei all den Akademikern auf den Bühnen der Welt ist hier eine etwas stürmischere Gangart mit manchmal noch etwas zu einfachen Melodien oder Akkorden – funktioniert trotzdem schon ganz gut. Es treibt, grooved und kracht und weiter gehts … absolut legitim, locker, spritzig, auch wenn ich über die auf Youtube vorliegenden Tapes den Eindruck gewinne, dass sie noch etwas kokett schüchtern oder unsicher wirken (wollen) – was schreibe ich, um ihr Image brauch ich mir keinen Kopf machen – genieße das einfach – ein bisschen Jazz-Rock-Pop darf es auch mal sein. Und wenn das Verstockte oder das Verschüchterte erstmal aus den Klamotten ist … kann da noch was kommen … man/frau wird sehen.

Das scheint mir das Ergebnis einer Freundschaft – ich hatte Nik Bärtsch im Verdacht – eine Erweiterung oder Fortführung von „Static Motion“ aus dem Jahr 2014?

Seit 2012 sind sie da unten hinter den Alpen mit diesem Kraftsound unterwegs – der jede Nacht zum Tag macht – zwei Gitarren ein Bass ein Schlagzeug und es drückt die Nacht zum Dunklen Loch hinaus – … fängt an mit „Enneagram“ – schwer und dunkel  und mächtig – rechts auf dem Ohr der eine, links der andere – mittendrin Bass und Schlagzeug – wenn da das Blech wegfliegt – und hier. Bums war der erste Ritt zuende. Kommt Black Light. Wer also einen Thriller oder einen Krimi verfassen will, sollte erstmal eine Nacht mit Sonar durchsounden … ist das eigentlich Geometrie – Arithmetik – Logik Verstand und Text in eins komprimiert (?) – da kannst du abhängig werden von –  hier der Stoff dazu: Eine Wucht –

Raphael Imbert und Karol Beffa – Eins der Lieblinge des Jahres 2015 wird Stück 2: „Creole“  Leicht tänzerisch, rhythmisch, sparsam in den Mitteln und doch so ausdrucksstark – Ausnahme-Aufnahme!

Dieses Jahr ist auch in Sachen Jazz für mich holprig verlaufen, trotzdem erwartungsfroh und doch irritierend – wo der Jazz einem buchstäblich zu Kopf steigt, nicht etwa weil er tot sei, sondern weil es kaum möglich erscheint, den Überblick zu wahren – von der persönlichen Entdeckung der Streaming-Dienste – bis hin zur Ununterscheidbarkeit der Stilrichtungen – über die Verzweiflung an den Diskussionsritualen im Netz – es differenziert sich eh über die vielen Namen – niemand kann dir über den Berg der Veröffentlichungen hinweg helfen, ohne Hilfsmittel geht’s nicht.

St Germain
Label: Nonesuch
St. Germain St.Germain

Na, da brauchts nicht viel Worte – da macht jemand 15 Jahre Pause und schließlich setzt er fort an dem Punkt, wo er seine Pause begann – eine wenig spektakuläre Aufnahme, aber im Groove unverkennbar cool, leicht, locker, gemütlich – ganz wie der im Sand versinkende (?) – kann man immer wieder mal nebenbei auflegen und entspannt hören.

Rotem Sivan
Jazzplatten 2015 - Jazz 2015 - Jazzalben 2015
Fresh Sound New Talent (Fenn Music) – Rotem Sivan: guitar; Colin Stranahan: drums; Haggai Cohen-Milo: bass; Daniel Wright: voice; Oded Tzur: tenor saxophone.

Platten gibt’s, die gibt’s gar nicht, oder Vorsicht, ein Gitarrist, oder warum unter den vielen Gitarristen nun ausgerechnet dieser? Nun, Platten gibt’s, die gibt’s gar nicht, und ich denke, jeder der eine Klampfe zwischen seinen Fingern gehalten hat, wird diesem hier bescheinigen, dass er sein Instrument nicht nur beherrscht, sondern ihm einfach schönen Sound zu entlocken weiß, vor allem sind da gezupfte Momente zu hören, die nicht aufs rein Technische mehr reduzierbar sind, sondern Räume bilden

– so, als sei es einfach und selbstverständlich – leichtfingrig und klar – ja, Platten gibt’s – das ist deswegen so eine starke Aufnahme, weil es nicht mehr nur um die Explosion der Töne geht oder die rasante Technik die Leitern rauf und runter – sondern um das Abbilden und Zeichnen von Sound Raum Klang und Herz. Meine Erfahrung sagt mir, schreibe nie etwas über einen Gitarristen, denn die anderen sind der Meinung, sie seien besser – Ausnahmen werden immer genehmigt, wenn sie klingen wie Abercrombie, Hall oder Metheny

– diese hier lässt stimmig werden – meine, der Sound hallt im Ohr nach und trifft mich mitten in der Vernunft – sodass ich Euphorin verspüre – ohne viel Pathos darin, und ohne zuviel zu verraten: Aber Rotem Sivan wirst du dir merken müssen. Das ist mehr als nur eine Platte – gibt’s nicht, denkst du – doch gibt es.

A Life in the Spirit of Jazz

CD 1 bis CD 5

Wer da alles die Wege des Siggi Loch gekreuzt hat, und wem er alles auf die Beine geholfen hat – schon unglaublich. Wusste ich gar nicht: Al Jarreau, Klaus Doldinger, Philip Catherine und Joachim Kühn gehören genauso zu seinen Entdeckungen wie Katja Ebstein, Marius Müller-Westernhagen oder Heinz Rudolf Kunze. Da gibt es also zwei Leben eines Siggi Loch (wahrscheinlich noch viel mehr) – ein Leben vor der Gründung des ACT-Labels, und eins, das schließlich ganz dem ACT-Label gewidmet ist. Hier vor allem dann die Entdeckung von Esbjörn Svensson oder Michael Wollny oder Nils Landgren. Das erfährt man alles in dem kleinen, schicken Beiheft mit schönem Bildmaterial – dort man vor allem einen immer freundlichen und begeisterten Siggi Loch sieht. Immer ganz nah am Geschehen. Das wirkt kaum gestellt oder distanziert, sondern irgendwie freundschaftlich (der frühere Siggi Loch) oder väterlich (der heutige).

Thematisch nach Lebensphasen geordnet.

CD1 The Beginning – hier tritt gleich mit dem ersten Stück Sidney Bechet in Erscheinung. Dieser Bechet Siggi Loch fünfzehnjährig am Jazz-Nerv gepackt hat. Und da Siggi Loch keinen Hehl draus machte, dass er kein so großartiger Musiker war, aber sich immer wünschte, in der Nähe der Musiker zu sein, verschrieb er sich schnell dem Vermarkten von Musik, dem Sichtbar- und Hörbarmachen von Musik, nicht ohne seine Jazz-Vorliebe weiter zu pflegen. Sich hierfür richtig hingehend zu verausgaben, sollte ihm dann ab 1992 mit Gründung des ACT-Labels gelingen.

CD2 (Blues & Rock) – die Bluesige im Anfang, die Rock ’n Roll-hafte im Mittelteil. Es wird kitschig mit Nights in White Satin – man spürt den Duft von 4711 des Hammond Orgel-Spielers mit einfachster Begleitung. Wenn Gitarre und Schlagzeug und Bass ihre fast schon schulbuchmäßige Begleitung abspulen. Man könnte geradewegs wieder in den Keller hinuntersteigen und auch nochmal losröhren …

CD3 nennt sich dann „Crossing Borders“ – lt. Begleitheft soll sie „Siggi Lochs Vision der kreativen Verbindung von vermeintlich undurchlässigen Genres“ in den Mittelpunkt rücken. Da ich durch die beiden ersten CDs erheitert bin, kann ich das mit George Gruntzens Cembalo-Geklimpere akzeptieren. Mit einem Lächeln versteht sich, es wird wild drauf los gezimmert. Immerhin hört man einen Bass zaghaft ein Solo testen. „Zugekleistert“ durch eine Klarinette – sei’s drum, diese CD ist die abwechslungsreichste. Es geht in einen Country über, wechselt ins Arabische, von dort ins Spanische. Es folgt ein Tango klapp klapp – dann einer meiner Lieblingssongs aus dem ACT-Programm, Christoph Lauer mit Sidsel Endresen – abgeschlossen wird die CD mit einem starken Duo Klavier und Trompete. Super-CD!

CD4: Es wird für Eingefleischte des ACT-Programms etwas schwierig. Wer schon viele CDs hat, wird einige Doppler hinnehmen müssen. Umgekehrt frage ich mich, was soll das Label machen, wenn die Anfänge des Labels dargestellt werden sollen – es sind einige Klassiker entstanden – man könnte sich noch darüber streiten, was das stärkste E.S.T -Stück ist oder welchen Nils Landgren du hören willst.

CD5 rundet das Ganze mit den Auftritten der ACT-Künstler in der Philharmonie ab. Auch hier wird man als ACT-Kenner um Doppler nicht herumkommen. Allerdings will ich mit meiner Kritik auf leisen Sohlen daherkommen: erstens habe ich bei insgesamt 66 Stücken gerade mal 4 oder 5 Doppler, zweitens gilt wie für CD4 – im Ergebnis kann man die CD in einem Stück hören, zurückgenommen im Hintergrund oder etwas kraftvoller über die Breite der Anlage.

(P.S. Wer einen Bogen macht um Compilations, sollte die Titelauswahl selbst nochmal checken und dann entscheiden!)

Einen Schlussakkord habe ich: Die Sammlung ist bestens geeignet, Leute, die sich schwer tun mit jazzigen Tönen, an den Jazz heranzuführen, so wie es wohl insgesamt Siggi Lochs größte Leistung ist, sich nicht auf eine ganz bestimmte Ästhetik festgelegt zu haben, Musik also nicht nur als für eine elitäre Clique glänzen oder brillieren zu lassen, sondern sie so vielen es eben geht möglich zu machen.

Wer seinen im Musik-Dschungel irrlichternden Freunden, Verwandten oder Kindern immer mal sagen wollte, was Jazz kann und will – hier ist eine Box für Einsteiger genauso für Leute, die meinen, schon alles gehört zu haben.

Dem Geburtstagskind sei dafür gedankt. Wo gibt es das schon. (Nur bei Betriebsausflügen wohl – da zahlt jedoch immer das Geburtskind drauf.) Hier schenkt es uns, was es für gut und richtig hält. Das nehme ich dankend an! Und empfehle es gerne weiter!


Two Concord!

Chick Corea / Bela Fleck

Zwei Ausnahmemusiker trefen sich und der Vertrieb erzeugt bei mir größtes Unverständnis: Einerseits kann man die Stücke über Streamingdienste (auch umsonst) hören, andererseits wird ein satter Preis für die Aufnahme verlangt, dass man nicht anders kann als den Kopf schütteln. 15 lächerliche Dollars in den USA und satte 23 Euro in Europa – und für minderwertigere mp3 dann immer noch überzüchtete 17,98 Euro – das wird nicht allein auf Amazon zurückzuführen sein – rein spekulativ – alles in allem ärgerlich. Weil: was die beiden musikalisch bieten ist große Improvisations-Kunst.


Gerne verlinke ich auch auf meine Berlin Abteilung A-Z. Eine alphabetische Aufstellung vieler Musikerinnen und Musiker aus Berlin. Sicher nicht vollständig, ein Anfang aber ist gemacht.

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