Henri Texier – Chance  

Henri Texier Chance

2020 – Jazz Albums Review France

Henri Texier Bass · Sébastien Texier Saxophone · Gautier Garrigue Drums · Manu Codjia Guitar · Vincent Lê Quang Saxophone

Erinnern wir uns noch einmal daran, dass es die US Navy war, die den Jazz über Frankreich nach Europa brachte, und freuen uns entsprechend über manch leichtfüßige Interpretation, so, als könnten Französinnen und Franzosen angesichts eines Debussy den Jazz nur als Tanzmusik verstehen oder mitnehmen, was überinterpretiert wirkt – auffällig ist aber bei vielem Getüftel eine Raumbezüglichkeit, ein Spiel mit Korpus und Tiefe – manchmal verklärend, manchmal romantisch. Hartes Timing oder abrupte Phrasierung will dem einen Kontrapunkt setzen. Das alles kriegst du bei Henri Texier geboten. Kraftvolles neben Eindringlichem, Freies neben Banalem, Überdehntes neben Verkopftem, wenn du einen Jazzwerkzeugkasten suchst, in dem alles drin steckt, hör dir Texier an.

Ich werfe heute noch einmal einen Blick auf seine Aufnahme aus dem Jahr 2020 – da dieses kleine Marschstück auf Chance – Cinecitta, außerordentlich „zieht“ – mit einem einfachen Bassintro beginnt es – gleich übernommen vom Saxophone, scheint es an sich vor Spannung und Steigerung zu implodieren, als das Schlagzeug einsetzt, sind wir gleich wieder auf dem Feld, marschierend – das dürfte weniger die Navy sein, vielleicht aber doch

– dann aber wohl die aus der Indians Aufnahme von 2014 | bis wir schließlich nach Bassintro, Schlag und Saxophonoberton abgeholt werden von jener alles überziehenden Gitarre – wie sie sich mit Verzerrer untenrum reinmogelt – Schüttelfrost. Entfesselt, lässt Manu Codjia offenbar auf seinem Gitarrenhals keinen Ton aus – so ganz und gar am höchsten aller Töne orientiert, ein ziemliches Theater, in dem er sich selbst ein wenig verknotet, möchte man glauben, die Pferde scheinen davon, nur eins noch beobachtet das aus sicherer Entfernung.

Blickst du weiter zurück an seine Anfänge, erscheint verblüffend: mit welch einfachen Mitteln Texier seine Kapelle organisiert und mitnimmt – spielerisch fast und nicht ohne Humor, Beispiel Amir von 1975 „Le Piroguier“. Ganz so fröhlich singend tritt auf der „Chance“ nun niemand mehr auf, trotzdem ist eine große Spiellaune spürbar, und so mancher Schnitzer scheint auch nur Teil einer größeren Abhandlung zu sein, abgesehen davon, dass das Kontrabass von Henri Texier für einen Autodidakten sehr virtuos klingt – ganz eigen und wie nur auf ihn abgestimmt.

Große Kunst. Punkt.

Henri Texier Chance

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Werkauswahl : Varech von 1977 | mit Louis Sclavis Carnet de Touttes 1995 | Indians / Desaparcido mit offensichtlich militärischem Schlag und außer sich geratender Trombone 2014 | Sky Dancers 2015

Varech 1977
Aldo Romano»Louis Sclavis»Henri Texier – Annobon
Indians / Desaparecido
Henri Texier Sky Dancers 6 – He Was Just Shining

Referenzen

Website Henri Texier Wo? – Wikipedia deutsch – ein paar mehr Infos auf der französischen Seite.

AllaboutJazz : Friedrich Kunzmann : „Chance means to be lucky. And Henri Texier feels „lucky to still be around here and today“

Begeisterung pur auch auf dem Kulturblog : Cd-Tipp von Hans Kaltwasser

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Gerne verlinke ich auch auf meine Berlin Abteilung A-Z. Eine alphabetische Aufstellung vieler Musikerinnen und Musiker aus Berlin. Sicher nicht vollständig, ein Anfang aber ist gemacht.

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