Wolfram Knauer „Play yourself, man!“

Wolfram Knauer Play yourself, man!

Wenn man es nüchtern betrachtet, ist der Begriff Jazz leider zur Schublade geworden. Aus der hin und wieder Großes hervor will, aber kaum mehr sichtbar wird, so groß ist die Schublade inzwischen. Andere sagen Weltmusik dazu, wieder andere Kopfmusik. Es sei etwas für Akademiker und Universitäre. Wieder andere erzählen von ihrer Frühverrentung – eine sehr kleine Schublade inzwischen. Was ich erkennen kann: die Jüngeren unter den Musikern und Musikerinnen jagen nicht selten den älteren einen ziemlichen Schrecken ein.

Ich hatte Henry (Radiohörer) versprochen etwas zu sagen zum Buch von Wolfram Knauer „Play yourself, man!“ – nun – ich mach es kurz. Es liest sich schnell und flüssig. Es gibt zwei Episoden, von denen ich wenig wusste. Dass der Jazz über eine Kapelle der US-Army und über Frankreich seinen Weg nach Europa fand. Und dass die oberste Naziführung sich ein eigenes Jazzorchester hielt.

Strenggenommen gibt es eine dritte Episode – die des staatlich organisierten Jazzorchesters in der DDR. Diese Episoden machen das Buch interessant. Alles in allem aber war ich etwas enttäuscht. Nicht weil ich so hinter Neuigkeiten im Jazz in Deutschland her wäre. Auch über den Titel ließe sich streiten. Warum eine Beschränkung auf Deutschland. Oder besser noch auf Albert Mangelsdorff – ja, es ist mir zu viel Mangelsdorff hervorgetreten – ? – und auch: mich beschlich der Verdacht, dass mit Albert Mangelsdorff Schluss war im Jazz von Deutschland. Und als es im Schlusswort hieß, der Jazz würde künftig querer und quasi genderlike … wurde ich ratlos.

[Warum etwas fordern, was selbstverständlich ist – aber weil es eben noch nicht selbstverständlich ist, muss es weiter eingefordert werden.]

Schade auch, dass es gegen Ende mit der Vielfalt der Strömungen und Richtungen nur auf die Vielfalt und Strömungen hinausläuft. Ein paar der neueren Namen werden angeführt. Ohne eine Idee zu liefern, wie sie zu hegen, zu pflegen, zu umschreiben sind. Und aber: aus ihrer Nischenecke herausgeholt werden können. Vieles liest sich, als gäbe es eine Art Kulturhoheit, die zufrieden ist mit sich und den seinigen. Hauptsache Jazz an der Uni, wer das geschafft hat, muss sehen, wo er oder sie bleibt.

Zeit also, dass ein Schub durch die Reihen fährt, ein Schock vielleicht? Widerborstiges etwa?

Will mich nicht paraphrasieren lassen von „die Faszination des Internationalen“ oder „die Faszination des Komplexen“ oder die „Faszination des Songs“. Oder etwa: „der Jazz wird diverser, weiblicher, queerer“. Ja, hoffentlich endlich auch das, möchte man rufen, redet nicht, macht voran!

„Die Vielfalt hat im Jazz in Deutschland zugenommen.“ (Tatsache aber: sie ist marginalisiert, nicht mehr Nische als progressive Position oder Ausnahme von der Regel, sondern Nische im Sinn von Bedeutungslosigkeit – wo da die anderen Rezensenten Jazz als Erfolgsstory erkennen – mir ein Rätsel – wahrscheinlich muss man einfach nur an die Erfolgsstory glauben, dann wird daraus auch eine.)

Ich schlage das Buch zu, betroffen und fast schon im Widerborstigkeitssinn eines Cecil Taylor möchte ich zum Solo aufrufen, wann endlich beschwert sich jemand. Das Minderheitending war doch nicht etwa Mittel zum Zweck. Sondern ein Bedürfnis, nicht nur im dreiviertel Takt unterwegs zu sein. Und auch mal falsche Töne spielen zu wollen und die richtig.

Oder sind wir inzwischen alles trinkt Sekt korrekt? Wolfram Knauer Play yourself, man

Es gibt viel mehr zu berichten von der Vielfalt und den vorbildlichen Instituten vor allem in Holland oder auch in Frankreich. Und dass wir in Deutschland eine sehr institutionelle Sicht auf die Dinge haben. Der Streitpunkt Jazz-House in Berlin in der Alten Münze wird angeführt, aber so, dass es niemanden betrifft. War es nicht Klaus Lederer, der sich schon Bürgermeister von Berlin nannte, aber vom Leder zog und dort eine Spielwiese sehen wollte für die Independent-Szene. Was immer das gewesen sein soll.

[Vielfalt wahrscheinlich, bei der eine Übersichtlichkeit entsteht im Sinn von kenne den, kenne jenen, ruf mal bei ihr oder ihm an. – Auf Twitter ein paar Institute hierzu befragt, kriegt man zur Antwort, schau mal bei dem oder der nach – die Vielfalt sich dadurch auszeichnet, dass sie alles von sich weist und woanders suchen lässt.]

Dem Buch ist anzumerken. Die Sicht auf den Jazz in Deutschland ist eine akademisch universitäre. Und sollte Till Brönner noch mehr Geld damit verdienen, hört das Naserümpfen eben auch nicht auf. Jazz will und darf nicht kommerziell sein. Was eine Sicht auf die Dinge, so klar, möchte ich rufen – ein „linker“ Rechtshaken sozusagen.

Lieber jazzen wir in den Alpen bei Buttermilch und elitärem Geplänkel und Picknick-Korb. Oder wir laufen im Kartoffelsack durch die Alte Münze und machen uns zum Vorwurf, dass wir einander nicht verstehen. Weder im Sinn der Neuen Musik, noch im Sinn eines Neuen Jazz.

Dazu vielleicht irgendwann mal mehr.

Hin und Her macht Taschen leer. Das Buch hat seine Stärken in der geschichtlichen Erzählung, es hat Schwächen in der Orientierung unserer jetzigen (jazzigen) Szene. Der Hinweis, dass Jazz eine widerständige Kraft hat, ist so alt wie der Anspruch, dass alles einen radikalen, wenn nicht antiautoritären Selbstbezug haben muss, will man nicht im Mainstream widerborsten gehen. Das ließe sich ausbauen. Steht es doch im Widerspruch zu der unter Faschisten und unter der Führung der DDR ausgeübten Widerstandsfähigkeit swingender Orchestergräben als wohlfeiles Understatement for Everybody shake your Body.

Referenzen:

Zum Verlag: Reclam

Der Jazz als Erfolgsstory beim Deutschlandfunk, Der Jazz gehört zu Deutschland in Die Zeit, Gespräch mit Wolfram Knauer via Radiohörer

Gerne verlinke ich auch auf meine Berlinabteilung Jazz A-Z. Eine alphabetische Aufstellung vieler Musikerinnen und Musiker aus Berlin. Sicher nicht vollständig, ein Anfang aber ist gemacht.

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