I Am Not Your Negro – Film von Raoul Peck

I Am Not Your Negro Film von Raoul Peck

„Ist dir aufgefallen, dass du vor den Black People Angst hattest?“

In so einem Satz hast du den Sprachgebrauch der letzten mehr als hundert Jahre. Sie sind dunkel, das weiße Mädchen in der Doku wird von Black Men zur Hinrichtungsstätte geführt – die Weißen sind People, hin und wieder sind sie The White Man … ansonsten aber White People, friedlich beieinander stehend … dagegen: Wer hat Angst vorm schwarzen Mann … in Deutschland, wir waren fünf Jahre hier, spielten wir dies Spiel auf den Wiesen … und liefen los.

Ich bin nicht euer N* wird der Film getitelt.

Im Original I Am not your Negro

Die Konnotation mit dem deutschen N*-Wort für Negro ist entwürdigend. Im Englischen klingt es harmloser (?), bedenke noch die Hintergrundmusik.

„Die Zeit dieser Leben und Tode liegt, öffentlich gesehen, zwischen 1955, als wir erstmals von Martin hörten, und 1968, als er ermordet wurde. Medgar wurde im Sommer 1963 ermordet. Malcolm 1965.

Diese drei Männer … sehr unterschiedliche … (Martin) schulterte das Gewicht der Verbrechen, der Lügen und der Hoffnungen einer ganzen Nation, diese drei Leben prallen aufeinander und lassen sich gegenseitig enthüllen – wie sie es in Wahrheit auch getan haben, weil sie ihre schreckliche Reise verwenden als Lehre für die Menschen, die sie so sehr geliebt haben, von denen sie verraten wurden, und für die sie ihr Leben geopfert haben.

„Wir gehen nicht mit N* in eine Schule.“ Einblendung einer besorgten Christin: „Gott vergibt Mord und ER vergibt Ehebruch. Aber ER ist sehr zornig und bestraft alle, die für Integration sind.“

aus dem Film

Hierzu die Verwerfungen der Eltern, das soziale Umfeld, in dem sie sich bewegten, christlich, baptistisch, freikirchlich, bibelfest mit einer höheren Moral ausgestattet, einer Gottesmoral, die über dem menschlichen Gesetz steht.

Wir fragen uns, wie Hass und Hetze in die Welt gekommen sind und wie sie wieder entweichen, sehen im Film aber auch, wie Vergebung Gottes Güte entspricht, Integration aber ein Fremdwort bleibt, sie sprechen einer Logik und Moral das Wort und scheinen immun gegen Weltliches – und ermöglichen das Dulden schamloser Ungleichbehandlung – der Glaube an den Gott der Erkenntnis ist nicht einer, dessen Herz Jesu schlägt mit Liebe deinen nächsten wie dich selbst, gemeint ist: liebe erstmal dich selbst, eh du es mit anderen versuchst.

Das Donnergrollen Gottes ist hören. Diesem Grollen gehört er selbst an, ist Sendbote des Grollens, die eigene tiefe Stimme, eine Projektion auf die Angst vor dem, der er ist, der Angry Man. Er zeigt einem Küss mir die Füße nicht etwa die Stirn, sondern erweist ihm seine Referenz, wenn es um Gott geht.

I Am Not Your Negro - Sanders
Film von Raoul Peck – Sanders
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I Am Not Your Negro Zulu Dancers in Johannesburg
Film von Raoul Peck Zulu Dancers in Johannesburg
James Baldwin Debates William F. Buckley (1965)
James Baldwin Debates William F. Buckley (1965)

Aus der Präambel der Verfassung der vereinigten Staaten von Amerika:

„Wir, das Volk der Vereinigten Staaten, von der Absicht geleitet, unseren Bund zu vervollkommnen, die Gerechtigkeit zu verwirklichen, die Ruhe im Innern zu sichern, für die Landesverteidigung zu sorgen, das allgemeine Wohl zu fördern und das Glück der Freiheit uns selbst und unseren Nachkommen zu bewahren, setzen und begründen diese Verfassung für die Vereinigten Staaten von Amerika.“

Es ist nicht zu erkennen, ob in diesem „wir“ wirklich alle gemeint sind – es klingt nicht einschließlich aller – da wird zur Verteidigung aufgerufen – wer ist das Außen – da sie sich jahrzehntelang im Inneren (im Bürgerkrieg) bekämpft haben ?

Helllichter Tag, tiefdunkle Nacht.

Das Himmelschreiende zwischen Gut und Böse ist tief verankert, weiß ist schlichtweg engelsweiß, schwarz dagegen …

Hundertfach in meiner Kindheit gepredigt bekommen. Es spricht eine klare und einfache Stimme. Korrekt dazu und aufrichtig gemeint. Vom Segen Gottes. Per Auftrag Gottes Kinder, Gotterwählte. Diese Botschaft ist so simpel wie praktikabel. Als Auftrag.

Nochmal: Diese Botschaft richtet sich nicht an aufgeklärte Modernisten, die Botschaft richtet sich an Gläubige – darauf geben viele in unseren Breiten ein hochnäsiges Schulterzucken bekannt.

Kommen zwei zusammen und sprechen einen Code, sie ziehen los. Entweder wird alles jenseits des eigenen Codes ignoriert oder es wird draufgegangen – hat er eine andere Hautfarbe – geht das Geraune los.

Sobald dem Differenzierung beikommt, wird nicht hingehört, es wird mit Inbrunst geantwortet, mit Herz – und schlechtem Geschmack, unter Safari- oder Karottenhemd, das ist beschämend wie unbelehrbar, es müssten die Missionare ihrer Lehre vom Auserwählten erst einmal selbst missioniert werden zu modernem Denken.

Vor dem Hintergrund ihrer Einfalt, die mit erhöhtem Anspruch (gotterhöht) daherkommt und dagegen hält, die anderen seien Unbelehrbare – die Ungläubigen.

I Am Not Your Negro 2
Film von Raoul Peck in Johannesburg
De Klerk, Mandela pre-election debate rebroadcast

Halte einen Spiegel an die Sätze, das macht es paradox: so bekommst du Rassismus, Klassismus und Ungleichbehandlung nicht beendet, wo so viele Erlöser im Bund mit Gottes Wort alle Ungläubigen bekehren wollen.

Im Film zu sehen und zu hören der Satz: Ehebruch und Totschlag wird von Gott verziehen. Gerechtigkeit und Chancengleichheit dagegen zürnt der Herr. (Methode der Methos (Methodisten) spöttelten wir.)

This is my Church.

Es gibt keine Zufälle, da alles von Gott vorherbestimmt. Dass alles wie Zufall erscheint: wo du geboren wirst, welche Schule du besuchst, aus welchem Auto du gestoßen wirst und zu Fuß weiter darfst – Gottes Plan.

Ein unlösbarer Knoten für den, der durch Gottes Wille weiß geboren wurde, um das Evangelium zu verkünden all denen, die durchs finstere Tal wandern. Glauben Sie, irgendeiner würde wollen, dass die Kräfte des Geistes „modernisiert“ werden?

Ich schaue an mir herunter und sehe: rosaweißer alternder Mann – inzwischen nicht mehr schwarzweiß oder gutböse angemalt. Trotzdem. Die Erinnerung an meine Kindheit bringt es mit sich, dass ich, sobald ich Andersfarbige sehe, mich übermäßig für sie interessiere, ich sie fragen will, woher sie kommen, ich feststelle, sie sind von hier, wie von dort (wo ich nicht von hier bin, sondern von dort) ein Reflex: sie kommen von dort – ich war schon immer hier – dafür muss ich mich nicht schämen, macht aber nicht selten das Gespräch umwegig.

Die letzte Begegnung hatte ich beim Teppichverlegen. Einer kam aus Kenia, der andere aus Äthiopien, ihr Chef ein bulliger Berliner. Sie verlegten den Teppich in weniger als vier Tagen, der bullige Berliner musste einer inneren Stimme folgend mehr als einmal darauf hinweisen, dass seine Jungs faul seien, immer müsse er sie vor sich herschieben, sie kommandieren … sie scheuchen.

Schwarz auf Weiß. Die schwarzen Malocher, geschoben und gescheucht vom weißen Herrn. Kein normales Du ich Du. Unaussprechbares. Vorurteile.

I Am Not Your Negro Schulklassen
Film von Raoul Peck Schulklassen

Als ich eine günstige Minute erkannte, setzte ich mich zu ihnen und erzählte von meinem Süd-Afrika. Das war ihnen noch nicht vorgekommen. Wir saßen eine Stunde zusammen, hätten fast Adressen getauscht, plötzlich weiteten sich die Themen, es wurden Familien, Mütter, Brüder, Schwestern sichtbar, für eine Stunde.

Diese Stunde erinnere ich jetzt, sie werden sie vielleicht auch erinnern, wahrscheinlicher ist, dass sie noch immer überlegen, wieso sie hier behandelt werden wie Menschen einer anderen Umlaufbahn oder wie vom Mond.

Ein Thema der Gewalt und Not, ein Film über den weißen Rassismus in den USA heißt es im Untertitel. So rückt dieses Phänomen einmal mehr von uns weg hinüber zu denen da in den USA – und wir sind fein raus? Das Beispiel vom Teppichverleger, der von seinem Chef gescheucht wird, weil er schwarz ist, der Chef weiß – stammt aus Berlin.

Oder: mein Freund damals mit seiner angelesenen Aversion gegen die Apartheid in Süd Afrika – oder ich selbst: in meinem ewigen Fliehen vor solchen Themen.

Bin kurz davor, eine Reise anzutreten.

Dies ist eine Reise, von der ich, ehrlich gesagt, immer wusste, dass ich sie eines Tages werde unternehmen müssen. Auch wenn ich gehofft hatte, ganz bestimmt gehofft hatte, sie nicht schon so bald antreten zu müssen. Ich will damit sagen, dass eine Reise als solche bezeichnet wird, weil man nicht wissen kann, was man auf der Reise entdeckt, was man mit dem, was man findet, macht, oder was das, was man findet, mit einem macht.

entlang J. M. Coetzee

Zeit etwas aufzuarbeiten, etwas gutzumachen, keine Zeit zu vergessen – im Kleinen wie im Großen. Ich hatte viele Kollegen, mit denen ich mich in fast allen fachlichen Fragen verstand, Statiker, Mechaniker, Tiefbauleute, unter ihnen Goldgräber wie mein Vater, der selbst in den Bergwerken bei Johannesburg der war mit der weißen Weste. Nie aber hatte ich das Gefühl, mir stünde irgendeiner von ihnen nah.

Als wir schließlich in Deutschland auftauchten und … so ungefähr. In meinem Grundschulzeugnis steht Deutsch als erste Fremdsprache.

Es ist noch viel zu schreiben über die, die ich unschuldig anguckte und sie hinter ihrem Rücken auslachte und verschrie. Es erfüllt mich mit Mitleid, es beschämt mich. An diesem sonnigen Nachmittag wird mir bewusst, dass ich meine Koffer packen muss, um nach Hause zu fahren.

Auch ich will meinen Beitrag leisten. Es ist an der Zeit. Aber würde man mich willkommen heißen, außerhalb meiner Farben und Kleider. Sicher würde ich mich verstecken können unter meinesgleichen. Umso einfacher als ich mich bei meinesgleichen nicht mal verabschieden müsste, sie würden auf ihren Webseiten nicht mitbekommen, wo ich wirklich bin.

Wo ich zuhause wäre.

Film von Raoul Peck
Film von Raoul Peck Kindheit

Referenzen:

Wikipedia : Film von Raoul Peck | SPON : Der gerade noch beherrschte Zorn | Feuilletonscout : Neu im Kino – Dokumentation nach Texten von James Baldwin | Tagesspiegel: Das schlechte Gewissen Amerikas

  • Deutscher Titel I Am Not Your Negro – Originaltitel I Am Not Your Negro – Produktionsland Frankreich, Vereinigte Staaten, Belgien, Schweiz – Originalsprache Englisch – Erscheinungsjahr 2017 – Länge 95 Minuten – Altersfreigabe FSK 12[1] – Stab: Regie Raoul Peck – Drehbuch Raoul Peck – Produktion Hébert Peck, Rémi Grellety, Raoul Peck, Musik Alexei Aigui, Schnitt Alexandra Strauss


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