Florian Favre Idantitâ 2022 – Solopiano aus der Schweiz

Florian Favre Idantitâ 2022 – 04.02.2022

Wenn du erst einmal geklärt hast, dass gute Popmusik auch einem Jazzfreund zuzutrauen ist und du die ersten Töne dieser Aufnahme hörst, bist du gleich etwas befangen: wenn nämlich Jazzmusiker sich der Popmusik zuwenden, ist es um beide geschehen, um die Popmusik und um den Jazz – soweit das Klischee.

Bei BR Klassik heißt es, „In die Bergwelt des Schweizer Kantons Fribourg entführen“, „lyrische bis kraftvolle Klavier-Musik“ heißt es bei Jazz-Fun, „Einzig in „Nouthra Dona di Maortsè“ touchiert Favre die Kitschgrenze, indem er im letzten Drittel den ohnehin schon poppigen Teil mit „aaah“- und „uuh“-Gesang unterplüscht.“ heißt es in der Jazz-Zeitung.

Worüber noch reden, wenn Zuhören angesagt ist, du das lauschende Schweigen aber nicht vertont bekommst, beim ersten Reinhören war ich tatsächlich etwas unterplüscht und ließ die Aufnahme gedankenlos weiterlaufen, um ziemlich schnell herausgerissen zu werden, wieder und wieder ertönten überraschende und irritierende Momente, nun, dann hör endlich zu, lautete der Befehl ans Innenohr.

Klavierspielen. Das ist nicht erst seit Beethoven Kadenzen und Arpeggien trommeln, spielen, ausweiten, linke Seite gibt Tiefe und Rhythmus vor, rechte Hand spielt im gleichen Harmoniegerüst über die vorgegebene Tonart, das bekommst du als Laie schnell ausprobiert. Was du als Laie nicht so schnell hinbekommst, sind die Kontrapunkte, das Timing und die rhythmische Leichtigkeit, wenn Rechte und Linke sich scheinbar in unterschiedlichen Feldern bewegen. Stück eins: leicht und fast schon wie ein Kinderlied. Das ist das Titelstück Idantitâ, ein Leitmotiv.

Le Lutin du chalet des Rebes – melodisch setzt sich die Leichtfüßigkeit fort, rhythmisch wird es und abwechslungsreicher, die Linke führt, die Rechte brilliert. Wieder Beethoven. Im Bass trappeln Pferdehufe, in den Liedpassagen hörst du Stimmen. Don’t Burn the Witch – das Spiel mit den gegenständlich ausgebremsten Saiten, es klappert und rasselt, so raffiniert, du glaubst, der Pianist arbeitet mit drei Händen. Oder sind es übereinander gelegte Tonspuren – spätestens jetzt ist Raffinesse gepaart mit den eingangs gesetzten Leitmotiven doppeltes Tremolo im Ohr. Feine Sache das.

Le Ranz des vaches. Eine eigene Erzählung. Langsam gemächlich. Komposition und Arrangement sich steigernd zum Strudel auf halber Basshöhe. Fein. Le viex chalet. Die abgedämpften Basssaiten. Ergeben einen trockenen nicht nachhallenden Beat, das setzt er über die ganze Bassbreite um, die Melodie auf Rechts umkreist die entstehenden Leerräume.

Nouthra Dona di Maortse – hier nun der Schwerpunkt auf Links mit effektivem Geschütz – ein Grollen und ein hohes Gewicht, die Melodien auf Rechts hinterlassen trotzdem Spuren, das Grollen schwindet, wird langsamer und weniger zornig. Stattdessen es sich in die Unterplüschung verwandelt. das ist schon reißerisch gemacht, als Beilage oder Untermalung zum Kopfkino durchaus denkbar.

Adyu mon bi Payi – das nun aufregendste Werk der Aufnahme. Konflikte, die sich streifen, frontal aufeinandertreffen, sich ergänzen und sogar in einen Boogie überzugehen scheinen. Ein wahrer Bassregen. Wow. Aus dem heraus führt die Leitbildmelodie. Der Schwerpunkt der Aufnahme in meinen Ohren, zweihundert Jahre Klaviergeschichte ziehen vor dem inneren Auge vorüber. Sich meisterlich selbst verstehen und ins Klavier hinein versinken.

Und bums. Our Cowboy. Die Aufnahme hat dich endgültig für sich eingenommen. Du weißt schon jetzt, das hörst du dir noch einmal an. Will jetzt nicht die Namen nennen, die ich auch höre, ich höre Florian Favre. Ein Akzent wird gesetzt.

Oh Weh – die Bässe jetzt in La Montagne sind das die grollenden Berge? Er löst es wieder ins Leichte auf, eh es zu bedrohlich wird, der Bass wird auch leiser, zurückgenommener, abwartender.

In The Dzodzet wieder der kraftvolle Bass, jetzt schon im Deep Purple Modus oder im Crunch oder Prog oder oder oder … Rechts darf trillern, Links wummert. Cooler Wums. Fällt oder rollt sogar über sich selbst her.

La Fanfare du Printemps – Verspieltes Frage-Antwort-Spiel? Nein, übereinander Reden und alles missverstehen. Was eine Auflösung. Der Bass übernimmt die Rolle, die Melodien tänzeln, springen, hüpfen und feuern sich regelrecht selbst an, immer schneller, lustiger und überdrehter zu wirken. Wieder der Beethoven Effekt, längst bin ich Fan davon.

I’v got You under my Skin. Na schön, irgendwann muss eben auch Schluss sein. Mit einem Evergreen. Das waren jetzt wieder sehr kurzweilige 58 Minuten. Davon bitte gerne mehr, viel mehr. Es ist eine selbst in seinen kitschigen Momenten durchweg mitnehmende Aufnahme und passend zur Atmosphäre all der auf sich selbst gestellten Traumlandschaften dort in der Bergwelt des Schweizer Kantons.

Florian Favre Idantitâ 2022 Cover

Florian Favre Website: Wikipedia Label Traumton

Referenzen: Jazz-Fun | Jazz Zeitung | Album des Monats bei BR Klassik

Florian Favre – Idantitâ
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jazzahead! 2015 – Florian Favre Trio

Florian Favre Idantitâ 2022

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Florian Favre Idantitâ 2022 Improvisation on „Adyu mon bi payi“

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